Nachrichten - Bündnis für nachhaltige Textilien

Rückblick auf die Speakers Tour zum Thema „Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz“ mit indischen Aktivistinnen

Mary Viyakula (links) und Deepika Rao (rechts) nach dem Vortrag an der Hochschule Reutlingen. Foto: © Volker Rekittke, Schwäbisches TagblattMary Viyakula (links) und Deepika Rao (rechts) nach dem Vortrag an der Hochschule Reutlingen.
Foto: © Volker Rekittke, Schwäbisches Tagblatt
Vom 5.-16.11.2018 reisten die beiden indischen Referentinnen im Rahmen einer Vortragsreise Mary Viyakula von der Organisation SAVE (Social Awareness and Voluntary Education) und Deepika Rao von Cividep India quer durch Deutschland, um über die geschlechtsspezifische Gewalt am Arbeitsplatz in der indischen Textilindustrie zu berichten. Sie schilderten anschaulich die prekäre Situation der Frauen und berichten über Ansätze, wie sich Arbeiterinnen in der Bekleidungsindustrie wehren und wie wir sie von Deutschland aus dabei unterstützen können.

Die Rundreise wurde von den zivilgesellschaftlichen Organisationen im Textilbündnis organisiert und es wurden auf Stationen in Halle (Saale), Leipzig, Reutlingen, Augsburg, München, Hamburg und Bremen ca. 450 Menschen erreicht.

Die Referentinnen

Mary Viyakula ist Geschäftsführerin von SAVE, einer Nichtregierungsorganisation in Tamil Nadu, Indien. Das Büro der NGO befindet sich in Tiruppur, bekannt als Stadt des T-Shirts. Als Programmdirektorin leitet sie das „Labour Resource Centre“ (LRC), ein Trainingsprogramm von SAVE, das Arbeiterinnen über ihre Rechte aufklärt und Schulungen für Gewerkschaften beinhaltet. Seit mehr als 15 Jahren setzt sie sich nun schon für die Rechte von Arbeiter*innen in der Textilindustrie in Tiruppur ein. Als Erfolg verzeichnet sie, dass Tiruppur nun, auch dank ihrer Arbeit, frei von Kinderarbeit sei. Sie hat zudem zahlreiche Befragungen über die Arbeitsbedingungen der Frauen in den Spinnereien und Fabriken durchgeführt. SAVE koordiniert zudem die Trainingsaktivitäten der Bündnisinitiative zu Zwangsarbeit in Südindischen Spinnereien, welche von FEMNET in das Textilbündnis eingebracht wurde.

Deepika Rao arbeitet seit drei Jahren für Cividep India. Die NGO in Bangalore, Karnataka untersucht die Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeiter*innen in globalen Lieferketten. Die Ergebnisse dieser Recherchen nutzt Cividep, um sich für bessere Löhne, sicherere Arbeitsplätze und gegen Diskriminierung in Fabriken einzusetzen, die für globale Markenunternehmen produzieren. Zuletzt hat Deepika viele Wanderarbeiter*innen in der Textilindustrie Bangalores befragt. Vor ihrer Arbeit bei Cividep arbeitete Deepika für mehrere Jahre als Ingenieurin auf Frachtschiffen.

Geschlechtsspezifische Gewalt in der Textilindustrie: Der traurige Normalzustand

In der Bekleidungsindustrie sind 80% der Beschäftigten weiblich.Einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu Folge sind weltweit 30% der Frauen von geschlechtsspezifischer Gewalt (auf Englisch "Gender Based Violence")  betroffen. Die Fair Wear Foundation hat in einer Studie herausgefunden, dass 75% der befragten Arbeiterinnen in der Bekleidungsindustrie Bangladeschs bereits am Arbeitsplatz belästigt wurden. Geschlechtsspezifische Gewalt ist für Frauen in der Bekleidungsindustrie also ein tagtäglicher Normalzustand. Daher wird momentan innerhalb der ILO auch über eine Konvention zu Prävention und Abhilfe von geschlechtsspezifischer Gewalt am Arbeitsplatz diskutiert. Dies wäre ein wichtiger Schritt.

Mary Viyakula zeigte in ihrem Vortrag zunächst die verschiedenen Formen auf, wie sich geschlechtsspezifische Gewalt ausdrücken kann. Dabei geht es nicht nur um körperliche Gewalt und sexuelle Belästigung - geschlechtsspezifische Gewalt fängt früher an und wirkt sich häufig weniger sichtbar aus. So werden in den Bekleidungsfabriken bewusst junge Frauen eingestellt, da diese häufig wenig über ihre Rechte wissen, sich weniger beschweren und seltener in Gewerkschaften organisieren. Meist verdienen sie deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Sollten sie schwanger werden, wird ihnen der Job häufig gekündigt. Falls sie doch weiterarbeiten, bieten die Arbeitsbedingungen keine angemessenen Umstände für schwangere Frauen. Notwendige Pausen werden nicht gestattet und es gibt keinen Mutterschutz und keine Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Eine Studie der Organisation "Sisters for Change", für die Arbeiterinnen in Bekleidungsfabriken in Bangalore befragt wurden, stellte fest, dass 62% der Befragten schon einmal Gewalt angedroht bekommen haben oder eingeschüchtert wurden. 5,4% wurden zum Geschlechtsverkehr gezwungen. SAVE hat in Tiruppur untersucht, wer genau diese Gewalt gegen Frauen ausübt und identifizierte vor allem die direkten Vorgesetzten und Manager in den Textilfabriken als Täter.

Quelle: Eliminating Violence against women at work – research by Sisters for Change, UK and Munnade, Bangalore, 2016 Quelle: Eliminating Violence against women at work – research by Sisters for Change, UK and Munnade, Bangalore, 2016

Sehr emotional wurde es, als sie von einigen Beispielen aus ihrer Arbeit berichtete: - Eine junge Frau wurde  z.B. über Monate in einer Fabrik festgehalten und vergewaltigt. Schließlich hat sie sich an einen Essenslieferanten der Fabrik gewendet, welcher die Situation einem Teeverkäufer vor dem Fabrikgelände berichtete. Dieser wiederum informierte SAVE. Mary Viyakula gab sich als Schwester der Arbeiterin aus und bekam so einen Zugang zu der Fabrik. SAVE sammelte auf diese Weise die notwendigen Informationen, um den Fall an die zuständigen Behörden zu melden. Daraufhin konnte die junge Frau aus der Fabrik geholt werden. Inzwischen studiert sie Chemie an einer lokalen Universität und wird weiter von SAVE unterstützt.

Aufgrund der komplexen Situation ist es nicht möglich, allein eine Ursache für geschlechtsspezifische Gewalt ausfindig zu machen. Jahrhunderte lang tradierte patriarchale Gesellschaftsnormen spielen eine wesentliche Rolle. Was jedoch auch deutlich wird: Die gesellschaftlich begünstigte Unterdrückung von Frauen ist den Textilfabriken nützlich, da diese sich aufgrund ihrer verletzlichen gesellschaftliche Stellung in geringerem Maße gegen Gewalt wehren.

Lösungsansätze: "Internal Complaints Committees" und Trainings

Seit 2013 gibt es in Indien ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz (Originaltitel: Sexual harassment of women at workplace (Prevention, Prohibition and Redressal) Act, 2013). Laut diesem Gesetz muss jede Organisation ab einer bestimmten Anzahl von Arbeiter*innen ein Komitee ("Internal Complaints Committee") haben, welches Beschwerden zu sexueller Belästigung behandelt. SAVE und Cividep unterstützen den Aufbau dieser Komitees in Textilfabriken.

Als ein Kern der Bündnisinitiative gegen Zwangsarbeit in Südindischen Spinnereien trainiert SAVE die Arbeiter*innen in 300 Spinnereien, um ein solches Komitee zu etablieren, unabhängige Wahlen für die Besetzung durchzuführen und die Funktionsfähigkeit sicherzustellen. Dies sind wichtige Schritte gegen geschlechtsspezifische Gewalt.

Die besondere Situation der Wanderarbeiter*innen

Deepika Rao hat in ihrem Vortrag vor allem einen Schwerpunkt auf die Probleme von Wanderarbeiter*innen gelegt. In Indien migrieren viele Arbeiter*innen von den ärmeren Regionen im Norden und Nord-Osten des Landes nach Tiruppur und Bangalore, um dort in den Textilfabriken zu arbeiten. Meist werden diese Arbeiter*innen von Recruitingfirmen in den ländlichen Strukturen angeworben, wobei ihnen häufig falsche Versprechungen gemacht werden. Angekommen in den Fabriken, wohnen sie meist in fabrikeigenen Unterkünften, sogenannten Hostels, welche sie nur sehr selten verlassen. Deepika Rao beschreibt, dass sie für die Befragungen dieser Arbeiter*innen häufig nur einige Stunden am Sonntag nutzen konnte, an den die Arbeiter*innen sich nicht in den Hostels oder in der Fabrik aufhielten. Aufgrund der kulturellen und sprachlichen Unterschiede leben diese Arbeiter*innen häufig sehr isoliert. Auch hier nutzen die Fabriken wieder die niedrige gesellschaftliche Position dieser Arbeiter*innen aus. Eine Befragung von Wanderarbeiter*innen in Tiruppur ergab, dass nur 3% von ihnen den vorgeschriebenen Mindestlohn erhielten. Zudem gehen viele Arbeiter*innen nach einem Jahr harter Arbeit wieder zurück in ihre Heimatregion, was die Organisation in Gewerkschaften sehr erschwert. .

Auch innerhalb Tamil-Nadus gibt es viele Arbeiter*innen, die aus den ländlichen Gebieten zum Arbeiten in die Textilfabriken kommen. Bei den Vorträgen kam im Publikum häufig die Frage auf, ob es nicht sinnvoller wäre, die jungen Frauen bereits vor ihrer Ankunft in den Spinnereien über ihre Rechte und die Situation in den Spinnereien aufzuklären. Mary erläuterte, dass SAVE dies auch tue. Jedoch sei dies eine Sisyphosaufgabe, da die Arbeiter*innen aus sehr vielen Gebieten und zunehmend auch von immer weiter weg rekrutiert werden. Mary sagte dazu: "It feels like you are running around the bush."

Eine schematische Darstellung der Situation von Wanderarbeiter*innen den Deepika Rao nutzte, um ihre Erläuterungen zu veranschaulichen. Quelle (und mehr Infos) Eine schematische Darstellung der Situation von Wanderarbeiter*innen den Deepika Rao nutzte, um ihre Erläuterungen zu veranschaulichen. Quelle (und mehr Infos)

Die brennende Frage: Was können wir tun?

Bei jedem Vortrag war die erste Frage, die beiden Referentinnen gestellt wurde, was aus ihrer Sicht denn die Menschen in Deutschland tun könnten, um die Situation in den Produktionsbetrieben zu verbessern. Beide hoben dabei hervor, dass es sinnvoll sei, Kleidung mit glaubwürdigen Nachhaltigkeitssiegeln zu kaufen. Dies sei jedoch nur ein Anfang, der vor allem signalisiere, dass einem das Thema wichtig sei. Für systemischen Wandel in den Produktionsbetrieben braucht es mehr. Mary Viyakula sagte, dass die Markenunternehmen direkt gefragt werden sollten, wie die Kleidung produziert wird. Zum Beispiel indem sich Kund*innen direkt an das Verkaufspersonal wenden. Wer mehr tun möchte, sollte die Arbeit der NRO in den Produktionsländern unterstützen.

 

Text: Tim Zahn, Koordinator der zivilgesellschaftlichen Organisationen im Textilbündnis, FEMNET e.V.

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