Was versteht FEMNET unter Feminismus?

Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Solidarität
Heute gibt es vielfältige Interpretationen des Feminismus. Lange Zeit war das Feminismusbild mit dem Vorwurf belegt, die Abwertung des Mannes zu propagieren. In den letzten Jahren wandelte sich aber dieses Verständnis, auch beeinflusst von den Weltfrauenkonferenzen, die feministische Anliegen in die Mitte der Gesellschaft brachten sowie von den modernen feministischen Bewegungen, die von jungen Frauen in die Öffentlichkeit getragen wurden.

Neben dem Klischee der Diskriminierung von Männern wird der Feminismus in den westlichen Industrienationen zum einen nicht selten zum überholten Konzept erklärt. Diese Stimmen verweisen auf den moralischen wie wirtschaftlich-technischen Fortschritt ihrer Gesellschaften inklusive der darin wirksamen Gleichberechtigung. Zum anderen wird der Begriff „Feminismus“ derzeit auch vermarktet, wird auf T-Shirts von Modemarken gedruckt, ist „in“. Die Vermarktung verknüpft den Feminismus jedoch mit leicht konsumierbaren Themen, während sie die komplexen Hintergründe seiner Ziele und Anliegen ausblendet. Dieser Verflachung des Begriffs wollen wir entgegenwirken, weil wir überzeugt sind, dass der Feminismus gerade heute und jenseits der Spaßkultur noch immer eine wichtige Haltung und Bewegung für die Gesellschaften weltweit ist.

Feminismus – Aufhebung von Geschlechterhierarchien und sozialer Ungerechtigkeit

FEMNET versteht Feminismus als Bewegung – hin zur Aufhebung von Geschlechterhierarchien und sozialer Ungerechtigkeit. Tatsächlich haben die westlichen Industrienationen in diesem Punkt manches erreicht, aber längst nicht alles – weder die Gleichstellung der Geschlechter noch die soziale Gerechtigkeit. Vielmehr sehen wir uns aktuell wieder mit populistischen Strömungen und politischen Leitfiguren konfrontiert, die offenen Sexismus, Rassismus und reaktionäre Weltbilder gesellschaftsfähig machen. Täglich erleiden in jedem Land dieser Welt noch immer Frauen und Mädchen allein aufgrund ihres Geschlechts Menschenrechtsverletzungen. Gleichzeitig verschleiern gesellschaftlich verankerte Rollenbilder und kulturelle sowie religiöse Werte die Ausbeutung und Diskriminierung oder rechtfertigen sie sogar, was besonders perfide ist. Etwa wenn Frauen selbst schuld sein sollen an sexuellen Übergriffen, weil sie sich mit bestimmten Verhaltensweisen außerhalb ihrer Mehrheitskultur stellen. So sehen wir global betrachtet – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – die Gesellschaften und Kulturen noch immer von einer ungleichen Machtverteilung zwischen den Geschlechtern und von Frauenunterdrückung geprägt.

Für uns steht Feminismus jedoch nicht allein für Geschlechtergerechtigkeit. Vielmehr ist der Begriff ohne den größeren Kontext der allgemeinen Grundsätze der Menschenrechte nicht denkbar. Er ist also untrennbar verbunden mit der Veränderung sozialer Machtverhältnisse, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder Alters, ihrer sexuellen Orientierung, Religion, Rasse, Nationalität, Klasse, Kaste oder ethnischer Zugehörigkeit unterdrücken, ausbeuten oder marginalisieren.

Wir fordern, dass kein Mensch aufgrund dieser Zuschreibungen diskriminiert und benachteiligt wird und verfolgen das Ziel der vollständigen Gleichberechtigung. Alle Menschen müssen Zugang zu menschenwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen haben. Niemand sollte in Armut leben.

Wenn wir Gleichstellung fordern, dann bedeutet dies, dass wir überkommene Geschlechterstereotypen wie etwa typische Frauen- und Männerberufe überwinden wollen. Das heißt im Alltag unter anderem, dass Frauen und Männer gleichberechtigt über Erwerbs- und Hausarbeit wie auch über die Familienplanung entscheiden. Althergebrachte Vorstellungen über die „Natur“ von Männern und Frauen dürfen nicht mehr die Vorwände liefern, um hochqualifizierte Positionen vorwiegend mit Männern zu besetzen. Finanzielles Auskommen und beruflicher Erfolg dürfen nicht vom Geschlecht abhängen. Unsere Vision von Feminismus ist die Verwirklichung von Formen des Zusammenlebens, die die Möglichkeiten und Potenziale beider Geschlechter würdigen und zur Entfaltung bringen. Dies sind souveräne, solidarische und selbstbestimmte Lebensmodelle und Partnerschaften im privaten, wirtschaftlichen und politischen Kontext. Sie sind das Gegenmodell zu ungleicher Machtverteilung und Ausbeutung.

Was tun wir, um diesen Feminismus zu verwirklichen?

FEMNET zeigt die vielen Gesichter der Ungleichheit sowohl in den Ländern des Globalen Südens als auch in Industrieländern wie Deutschland vehement und unablässig auf. Dabei machen wir uns insbesondere stark für die Rechte von Frauen im Arbeitsleben und setzen hier unseren Schwerpunkt auf Solidarität mit Textilarbeiterinnen, derzeit vor allem in den südasiatischen Ländern Indien und Bangladesch. Die Textil- und Bekleidungsproduktion zählt in diesen Ländern zu den größten Wirtschaftszweigen. Die Frauen, die dort arbeiten, sind zumeist doppelt benachteiligt – sowohl durch die Ausbeutung in der Produktion als auch durch die vor Ort wirkenden Mechanismen patriarchaler Unterdrückung. Aktivist_innen vor Ort kämpfen gegen diese Strukturen und FEMNET unterstützt solidarisch ihren Kampf.

Dort und an vielen anderen Orten weltweit riskieren Frauen ihr Leben, die sich für Veränderung und aktiv für die Rechte von Frauen einsetzen. Wir fordern daher, dass sich Staaten und Unternehmen für die Stärkung von Frauenrechten als Menschenrechte und für die Schaffung von Strukturen einsetzen, die die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Frau gewährleisten.

Auch in Ländern wie Deutschland steht die vollständige Gleichberechtigung von Frauen sowohl politisch als auch wirtschaftlich aus. Typische „Frauenberufe“ etwa im Einzelhandel oder in der Pflege sind immer noch schlechter bezahlt und haben ein geringeres Ansehen. Trotz ihrer Ähnlichkeit zu Tätigkeiten in vergleichbaren Männerberufen werden diese Positionen schlechter honoriert. Die Folge ist ein hoher Frauenanteil in prekären Arbeitsverhältnissen. Dies wird noch verstärkt, weil Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten und für die Kinderversorgung und Altenpflege zuständig sind. Von einer Gleichstellung im Arbeitsleben, die sich auch über Positionen und Bezahlung ausdrückt, ist die deutsche Gesellschaft weit entfernt.

Egal, ob wir auf die Textilproduktion in den Ländern des Globalen Südens verweisen oder auf die beruflichen Perspektiven in Industrieländern wie Deutschland. Hier wie dort braucht der Feminismus nach wie vor wirksame Instrumente und engagierte Aktivist_innen. Er braucht auch Aufklärung und offene, selbstkritische Auseinandersetzung. Denn nicht zuletzt sind Frauen es selbst, die Stereotypen und Rollenbilder reproduzieren statt sie offen zu legen, zu hinterfragen und zu überwinden. Mit einem Feminismus, der auf Selbstbestimmung, Souveränität, Kritikfähigkeit und Solidarität setzt, wollen wir das ändern. Dieser Feminismus ist keine Beigabe, sondern eine Maxime für soziale Gerechtigkeit und respektvolles Miteinander – im Privaten ebenso wie im Beruf, im sozialen Engagement wie im politischen – weltweit.

Stand: 1.8.2017

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