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Überlebende des Rana Plaza Einsturzes: Taslima, Anjura und Nilufa in Dhaka vor dem Denkmal zur Ehren der Opfer an der Stelle, wo Rana Plaza stand © Lavinia Muth

Eine Branche im Wandel? Das Gedenken an Rana Plaza wirft Licht und Schatten auf die globale Modeindustrie

Die Fashion Revolution Week oder #RememberingRanaPlaza, wie die Betroffenen in Bangladesch das Erinnern an den Einsturz des Fabrikgebäudes am 24. April 2013 nennen, zeigt auch zehn Jahre nach dem Unglück, dass trotz vieler Fortschritte von einer Revolution in der Textilbranche (noch) nicht die Rede sein kann. Das hat unterschiedliche Gründe.

„Es erfordert mehr als eine vom Westen angeführte Moderevolution. Wir können uns niederknien, um der Opfer zu gedenken. Aber wir müssen uns fragen, ob das institutionelle und ritualisierte Erinnern nicht vielmehr dazu führt, dass wir Fabrikbränden und Einstürzen passiv zusehen, anstatt wirklich für e Gerechtigkeit zu sorgen“, sagt FEMNET-Mitglied Lavinia Muth. Die Nachhaltigkeitsexpertin und ausgewiesene Kennerin der Textilbranche Südostasiens findet zum 10. Jahrestag der Rana Plaza Katastrophe kritische Worte. Jahrelang selbst als Beraterin und Auditorin in den Fabriken Bangladeschs unterwegs, um ethische und nachhaltige Praktiken zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen umzusetzen, betrachtet sie die Fairness-Bewegung mit gemischten Gefühlen. Denn, so Muth, die als CSR-Verantwortliche eines fairen Modelabels auch die Unternehmensseite kennt: die Modebranche bemühe sich zwar, wie kaum eine andere Industrie, um Fairness und Nachhaltigkeit. Aber trotz viel gepriesener Anstrengungen und Innovationsversuchen sei es in den letzten Jahren nicht wirklich gelungen, die negativen Auswirkungen auf Umwelt und Menschen systematisch zu reduzieren.

Handeln statt bloßer Bekenntnisse

Ein kollektives Versagen, dem westliche Marken und Nachhaltigkeitsberater*innen nur noch mit Marketingkampagnen beikommen können, die die Ansprüche an Fairness und Nachhaltigkeit romantisieren? Ein Scheitern auch der Fair Fashion Bewegung, seinerzeit angetreten, die Machtstrukturen im Kontext komplexer, globaler Bekleidungslieferketten anzuprangern, sich aber nun vor allem in Slogans und Gedenk-Aktionen erschöpft?

„Die Gefahr der Rana-Plaza-Erinnerung und -Metapher besteht darin, dass sie uns davon abhält, die Industrie tatsächlich zu verändern und umzugestalten, und uns in der Schleife hält, ein paar kleine Reparaturen vorzunehmen, eine Wohltätigkeitsaktion hier und da, aber am Ende des Tages: business as usual, “ konstatiert Lavinia Muth, und fordert stattdessen entschlossenes Handeln - die ehrlichere und gerechtere Form des Gedenkens.

© BCWS, Bangladesch

 

Angemessene Entschädigungszahlungen für Überlebende, Angehörige der Opfer und für Textilarbeiter*innen, die seit dem Rana-Plaza-Vorfall nicht mehr arbeiten können, wäre ein längst überfälliger Schritt. Noch immer protestieren Arbeiter*innen, gemeinsam mit Gewerkschaften, um auf die verheerenden Folgen des Unglücks aufmerksam zu machen und Gerechtigkeit zu fordern.

Stimmen aus dem globalen Süden werden lauter

Immerhin: es ist als Fortschritt zu werten, dass in den vergangenen zehn Jahren sich mehr und mehr Frauen inzwischen bestärkt und mutig fühlen, für ihre Rechte einzustehen und zu kämpfen. Selbstermächtigung, so lautet auch der Ansatz von FEMNET in ihrer Projektarbeit vor Ort, denn sie ist eine der wirksamsten Formen für mehr Souveränität und für ein Aufbrechen ungleicher Machtverhältnisse innerhalb globaler Lieferketten.

Im Zusammenhang mit Blick auf eine Zukunft, die nicht mehr von oben nach unten bestimmt ist bzw. vom Wohlergehen einiger Weniger auf Kosten unzähliger Menschen im globalen Süden, muss auch die Perspektive der Lieferanten selbst betrachtet werden.

Auf dem jüngst stattgefundenen Bangladesh Business Summit 2023 diskutierten Vertreter*innen der Bekleidungs- und Textilindustrie, wie die Branche Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsmöglichkeiten gestalten kann. Dabei wurde ein Vorwurf an die westlichen Auftraggeber*innen laut: Internationale Einkäufer*innen und Marken zahlten den Bekleidungslieferanten in Bangladesch durchweg niedrigere Preise im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt. Dabei hat der Sektor in Bezug auf Qualität, Produktvielfalt und Einhaltung von Vorschriften in den letzten Jahren durchaus aufgeholt und Verbesserungen vorzuweisen.

Akteure vor Ort fordern Beziehung auf Augenhöhe

Laut der Lokalzeitung The Daily Star, die den Verbandspräsidenten der Textilproduzenten Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association zitiert, habe sich dank beispielhafter Fortschritte in den Bereichen Sicherheit am Arbeitsplatz und ökologische Nachhaltigkeit, Bangladesch bei globalen Einkäufer*innen als bevorzugte Beschaffungsquelle für Bekleidung etabliert.

Aber, so Verbandspräsident Faruque Hassan: „Es ist zwar gut zu sehen, dass unsere Leistungen gewürdigt werden, aber die von den Käufern angebotenen Preise spiegeln dies nicht wider.“ Dabei kommen faire Preise nicht nur den Zulieferern zugute, sondern würden es den Fabriken ermöglichen, mehr in die Nachhaltigkeit und das Wohlergehen der Arbeiter*innen zu investieren.

Ein wohlmeinendes Versprechen, zu dem Auftraggeber wie Auftragnehmer noch einiges beitragen müssen, damit die Arbeiter*innen, die unsere Kleidung nähen, in Würde leben und arbeiten können.

So lässt sich, zehn Jahre nach Rana Plaza, eine ambivalente Bilanz ziehen: das Unglück steht als trauriges Sinnbild für die Verwerfungen der Industrie und hat diese auf brutale Art und Weise aufgedeckt. Gleichzeitig hat das Ereignis dazu beigetragen, Maßnahmen für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz zu beschleunigen und die Geschäftspraktiken von Fast Fashion aufzudecken.

Konsequentes Handeln bleibt weiterhin von allen Akteuren gefordert, wenn wir den Opfern von Rana Plaza ihre Menschenwürde zurückgeben wollen.

Quelle:

„Bangladesh apparel industry urges fashion brands to offer fairer prices”, Just Style, 13. März 2023

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