Das Bündnis für nachhaltige Textilien

Hungerlöhne, Überstunden, Unterdrückung, verschmutzte Gewässer – seit Langem sind die Menschenrechtsverletzungen und Umweltauswirkungen in der Textil- und Bekleidungsindustrie bekannt. In Billiglohnländern wie Bangladesch, Kambodscha und Indien nähen die hauptsächlich weiblichen Beschäftigten im Akkord Hosen, Hemden und Jacken für den Weltmarkt – oftmals unter lebensgefährlichen Bedingungen. Nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Fabrikkomplexes in Bangladesch und den Brandkatastrophen in den Fabriken Tazreen, Bangladesch und Ali Enterprises, Pakistan hat auch die deutsche Politik Handlungsbedarf erkannt. Um etwas gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur zu unternehmen, hat Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller 2014 das Bündnis für nachhaltige Textilien gegründet.

Dieses Bündnis setzt auf die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure: Unternehmen, zivilgesellschaftliche Organisationen, Gewerkschaften, Standardorganisationen und Bundesregierung kommen zusammen und definieren Wege, um soziale, menschenrechtliche Bedingungen entlang der textilen Lieferkette zu verbessern. Dabei sieht das Bündnis den Sorgfaltspflichtenansatz als leitend an und orientiert sich am OECD-Leitfaden für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht zur Förderung verantwortungsvoller Lieferketten in der Bekleidungs- und Schuhwarenindustrie. Entscheidungen über gemeinsame Regeln trifft der Steuerungskreis des Bündnisses, in dem alle Anspruchsgruppen vertreten sind.

Unternehmen, die dem Bündnis beitreten, verpflichten sich insoweit freiwillig selbst, die Anforderungen des Bündnisses umzusetzen. Momentan sind die Mitglieder des Bündnisses für knapp 46% des Umsatzes mit Textilien in Deutschland verantwortlich (bezogen auf die 100 umsatzstärksten Unternehmen des Textil-Einzelhandels in Deutschland).

Das Bündnis will Wirkung über drei Säulen entfalten.

Die erste Säule steht für die individuelle Verantwortung jedes Mitglieds. Jedes Mitglied muss hierbei in öffentlichen Berichten – sogenannten Roadmaps - darlegen, welche Beiträge es zur Erfüllung der Bündnisziele leistet. Der Prozess zur Erarbeitung, Prüfung und Veröffentlichung dieser Roadmaps und darauf bezogener Fortschrittsberichte – der sogenannte Review Prozess - wurde 2019 reformiert, um eine stärkere Angleichung an die sektorspezifischen Leitlinien der OECD zum Sorgfaltspflichtenansatz zu erreichen.
Unternehmen müssen jetzt in den Roadmaps erläutern, wie sie Risiken für Mensch und Umwelt in ihrer Lieferkette erfassen und welche Risiken sie bei den 11 von der OECD anerkannten typischen Risiken für den Textilsektor vorgefunden haben. Die Unternehmen müssen beim Vorliegen von Risiken darlegen, welche Ziele sie sich zur Verringerung des Risikos setzen und mit welchen Maßnahmen sie diese Ziele erreichen wollen. Diese reformierte Fassung des Review Prozesses wird 2021 erstmals durchgeführt.
Die bisherigen Roadmaps und Fortschrittsberichte der Mitglieder können unter folgendem Link abgerufen werden: https://www.textilbuendnis.com/berichte/

Die zweite Säule umfasst das gemeinsame Engagement der Bündnismitglieder. Durch das Textilbündnis werden gemeinsame Initiativen, sogenannte Bündnisinitiativen, durchgeführt, da viele Problemstellungen in den Lieferketten effektiver angegangen werden können, wenn mehrere Unternehmen sowie andere Akteure gemeinsam agieren.

Die dritte Säule stellen Maßnahmen zur gegenseitigen Unterstützung der Mitglieder dar. Hierüber liefert das Bündnis vor allem eine Lernplattform für seine Mitglieder.

Zivilgesellschaftliche Organisationen

Derzeit sind 19 Nichtregierungsorganisationen Mitglied des Bündnisses für nachhaltige Textilien. Die Nichtregierungsorganisationen arbeiten in den Expert*innengruppen des Bündnisses mit und werden durch Vertreter*innen von FEMNET e.V., INKOTA-netzwerk e.V. und dem SÜDWIND e.V. - Institut für Ökonomie und Ökumene im Steuerungskreis vertreten.

Mit unserer Arbeit engagieren wir uns dafür, dass sich die Unternehmensmitglieder im Bündnis ambitionierte Ziele setzen und diese mit effektiven Maßnahmen verfolgen, um wesentliche Risiken für Mensch und Umwelt in der textilen Lieferkette zu minimieren. Über die Umsetzung ihrer Sorgfaltspflicht sollen die Mitgliedsunternehmen in nachvollziehbarer Weise berichten. Themen, bei denen wir besondere Fortschritte von den Mitgliedsunternehmen erwarten, sind existenzsichernde Löhne und faire Einkaufspraktiken, Zugang zu effektiven Beschwerdemechanismen, geschlechtsspezifische Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz, Stärkung lokaler Gewerkschaften, Reduktion gefährlicher Chemikalien, Klimaschutz, Einstieg in Kreislaufwirtschaft, Korruptionsprävention und erweiterte Nutzung von Bio-Baumwolle. Viele dieser Themen erfordern ein gemeinsames Agieren, das wir über ambitionierte und effektive Bündnis-Initiativen umgesetzt sehen wollen. Zudem muss das Bündnis Wirkungen der im Bündnis getroffenen Maßnahmen erfassen und sich für verbesserte Lieferkettentransparenz einsetzen.

Liste der zivilgesellschaftlichen Mitglieder:

Was können Sie tun?

Unterstützen Sie unsere Arbeit, indem Sie den Unternehmen deutlich machen, dass Sie die Zustände in der Textilproduktion nicht mittragen. Wenden Sie sich z.B. per E-Mail an die Unternehmen und fordern Sie diese auf, für bessere Arbeitsbedingungen und weniger Umweltauswirkungen in ihren Lieferketten zu sorgen.

Koordination

Da die Unternehmen im Textilbündnis in der Überzahl und zusätzlich durch starke, professionelle Verbände vertreten sind, haben sie eine starke Verhandlungsmacht. Seit Mitte 2016 gibt es daher einen Koordinator der Zivilgesellschaft. Diese Position bündelt die Interessen der Nichtregierungsorganisationen, macht ihre Einschätzungen in der Öffentlichkeit hörbar, holt wissenschaftliche und juristische Expertise ein - und stärkt so ihre Position.

Die Koordination der Zivilgesellschaft im Textilbündnis wird gefördert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Auch entwicklungspolitisch steht das Textilbündnis für einen neuen Kurs: Ihm liegt die Annahme zu Grunde, dass die globalen Probleme sich nur gemeinsam lösen lassen – im Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft, vernetzt im Süden wie im Norden. Dieser Ansatz der "Multi-Akteurs-Partnerschaften" (MAP) ist der zentrale Leitsatz der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung.

Kontakt

Johannes Norpoth
Koordinator der zivilgesellschaftlichen Akteure im Textilbündnis
Tel. +49 175-92 331 78

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