Mitte der 90iger Jahre wurden die ersten Sozialaudits durchgeführt. Aufgrund der Kritik an den katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Kleidungsfabriken der Niedriglohnländer legten sich einige große Unternehmen einen Verhaltenskodex zu und ließen seine Einhaltung in den Fabriken ihrer Zulieferer prüfen.

Inzwischen hat sich eine regelrechte Industrie von Sozialaudits entwickelt, in der Consultingunternehmen gut verdienen: Jährlich werden Tausende von Audits von Hunderten von Produzenten und Händlern in Auftrag gegeben. Einige Unternehmen haben die begrenzte Wirksamkeit eines Ansatzes eines einzelnen Unternehmens erkannt und haben sich Multistakeholder Initiativen angeschlossen, um gemeinsam mit anderen Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen (NRO) und Gewerkschaften neue Ansätze zu erproben.

Die Kritikpunkte an Sozialaudits sind:

  • Sozialaudits können sichtbare und leicht zu korrigierende Aspekte wie fehlende Feuerlöscher, versperrte Fluchtwege, mangelnde Luftzirkulation, unzureichendes Licht etc. feststellen. Wesentliche Probleme wie Fehlen der Organisationsfreiheit, erzwungene Überstunden, ausfallendes Benehmen von (meist männlichen) Aufsehern, Zurückhalten von Lohn und Krankheitsurlaub oder diskriminierende Praktiken bei Einstellung und Beförderung werden in der Regel jedoch gar nicht aufgedeckt. Fabrikmanager lassen Gewerkschaften in der Regel nicht zu, organisieren aber manchmal „workers committees“, wobei deren Mitglieder oft von der Fabrikleitung ernannt und nicht von den Beschäftigten gewählt werden.
  • Arbeiterinnen und ihre Organisationen werden bei Sozialaudits marginalisiert. Gewerkschaften und NRO außerhalb der Fabriken werden in der Regel nicht befragt, obwohl sie regelmäßigen Kontakt zu den Näherinnen haben.
  • Sozialaudits geben nur einen punktuellen Einblick in die Arbeitsverhältnisse zum Zeitpunkt des Audits und ermöglichen keinen Überblick über einen längeren Zeitraum. Sie sind in der Regel zu kurz (Stunden bis 1-2 Tage) und zu oberflächlich. Innerhalb einer kurzen Zeit müssen die Auditoren ihre Checkliste abarbeiten. Deshalb können sie auch grundlegende Probleme in einer Fabrik selten feststellen.
  • Sozialaudits werden häufig Tage vorher angekündigt, womit die Fabriken Zeit haben, sich vorzubereiten (z.B. Schaffung von sauberen Toiletten, freie Fluchtwege, Fälschung von Unterlagen, etc.).
  • Sozialauditoren lassen sich von den Fabrikbesitzern bestechen.
  • Fabrikmanager betrügen Sozialauditoren auf vielfache Weise, z. B. werden Belege gefälscht, um Überstunden zu verstecken oder Auditoren in eine Vorzeigefabrik geführt während die Hauptarbeit in anderen Fabriken stattfindet.
  • Arbeiterinnen werden angewiesen, wie sie auf Fragen der Auditoren antworten sollen: „Die Arbeiterinnen werden angehalten zu erklären, dass in ihrer Fabrik keine Kinderarbeit existiert, dass die Arbeitsatmosphäre angenehm sei, der Lohn pünktlich gezahlt würde. Sie sollen erzählen, dass sie regelmäßig Urlaub erhalten, keine erzwungenen Überstunden leisten und auch nicht nachts arbeiten müssen.“
  • Nach der Durchführung von Audits wird zwar in der Regel ein „corrective action plan“ erstellt, der aber oft nicht von den Unternehmen nachgehalten wird. Da selten Beschwerde-Mechanismen bestehen, gibt es für die Beschäftigten keine Möglichkeit, Beschwerden nach dem Audit vorzubringen.
  • Die Einkaufspraktiken der Einkäufer aus den USA oder Europa werden nicht  im Rahmen des Sozialaudits einbezogen bzw. hinterfragt (Preisdruck, kurze Lieferzeiten), sondern die Verantwortung für die Einhaltung von Sozialstandards wird auf die Produzenten abgeschoben.
  • Die Auditindustrie ist intransparent und nach außen geschlossen. Methoden und Ergebnisse von Audits werden nicht veröffentlicht.

(Quelle: Burckhardt (Hg), Mythos C$R, S.119ff)

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