10.05.2013: Das Praktikum bei Cividep und Munnade 2. Teil

„Meine westlich geprägte Sicht- und Lebensweise so weit wie möglich versuchen abzulegen, um alles in mir aufnehmen und mitnehmen zu können“ - so wird mich meine Indienreise hoffentlich langfristig prägen und positiv beeinflussen.

Von der indischen Kultur, die durch farbenfrohe Kleidung und Feste, unzählige religiöse Bräuche, Tempelrituale und zusammenführende Traditionen gekennzeichnet ist, sticht für mich das fest verankerte Solidaritätsgefühl am Stärksten heraus. Man erkennt eine Gemeinschaft, die zusammenhält, und in allen Situationen gegenseitig aufeinander Acht gibt- etwas, was ich in Deutschland mehr und mehr vermisse. Wir bewegen uns immer weiter dahin, komplett unabhängig voneinander zu sein, den anderen nicht mehr wirklich zu brauchen; immer noch mehr zu wollen, und somit nie zufrieden zu sein; noch bequemer und verwöhnter zu leben, und dabei das Wesentliche zu vergessen; konsumorientiertes Leben, wobei Werte auf der Strecke bleiben.

Während meiner Zeit hier erlebe ich ein ständiges Wechselbad der Gefühle, da solche Gegensätze sehr ‚krass´ aufeinander treffen und nochmal bewusst werden. Es gibt Augenblicke, da bin ich zutiefst zufrieden, genieße die Fahrt in der Rikscha, und beobachte fasziniert das Treiben auf der Straße: eine Frau, die morgens in ihrem Hauseingang am Bürgersteig sitzt und in einer kleinen Plastikwanne das silberne Geschirr vom Frühstück abwäscht; eine Andere am Straßenrand, die vornüber gebeugt ihr langes, schwarzes Haar kämmt und anschließend den geflochtenen Zopf mit frischem Jasmin schmückt; und wieder eine Andere, die zwischen dem Verkehr tiefgebückt die Straße mit einem kleinen ‚Gras-Besen‘ von Staub und Müll zu befreien versucht; lachende, niedliche Kinder in britischen Schuluniformen, die händchenhaltend auf dem Weg nach Hause laufen; ein älterer Herr, der in seinem Plastikstühlchen vor seinem Geschäft sitzt und schlummernd auf Kundschaft wartet – scheinbar total ungestört von dem ganzen Lärm um ihn herum; ein vorbei brausendes Motorrad, besetzt mit einer 5-köpfigen Familie und Gepäck. Der Einzige, der einen Helm trägt, auf dem Kopf oder einfach am Arm baumelnd, ist wenn der Fahrer. Das Baby hängt gewohnheitsmäßig schon abgehärtet und ungesichert auf dem Schoss der Mutter, die wegen ihres Saris in sehr eleganter Weise seitwärts platziert ist. Es sind kleine alltägliche Bespiele, nichts sehr Außergewöhnliches, aber Augenblicke, die mich immer wieder zum Schmunzeln bringen und das schlichte, indische Leben ausmachen.

Gelassenheit und Zuversicht – weitere nützliche Merkmale der indischen Mentalität.  Alles zu kontrollieren und gründlich weit im Voraus zu planen, bringt hier nicht wirklich viel. Eher mal abzuwarten, was sich so ergibt, spontan und flexibel zu sein, ist hier weitaus mehr gefragt. Langsam habe ich mich daran gewöhnt und beginne es zu genießen. Bis jetzt habe ich auch nur positive Erfahrungen damit gemacht. Man lernt darauf zu vertrauen, dass alles irgendwie klappt. Es ist z.B. jedes Mal eine Überraschung, ob  bzw. wie ich mit dem Rikscha-Fahrer mein Ziel erreiche. Erst während der Fahrt stellt sich heraus, ob der Gute wirklich weiß wo es hingeht oder zehn Passanten nach der Wegbeschreibung befragt werden. Die Fahrt dauert dann meistens etwas länger, aber es finden sich wirklich immer hilfsbereite Inder und Inderinnen, die alles versuchen, damit man ankommt. Ein Anhaltspunkt, z.B. die Grundschule in der Nähe von meinem Büro, ist weitaus hilfreicher als eine komplette Adresse – die hilft keinem so wirklich weiter.

Diese permanente Aufmerksamkeit und Bereitschaft überall zu helfen, wo man irgendwo kann, ist auf alle Fälle beeindruckend und bewundernswert. Davon können wir uns sicherlich eine große Scheibe von abschneiden! Dazu gehört auch das Teilen! Zuerst immer seinen Nächsten zu fragen oder ihm etwas anzubieten, bevor man sich bedient, ist nicht nur höflich, sondern zeigt wieder dieses Gemeinschaftsgefühl. In unserer für mich sehr ‚Ich-bezogenen-Welt‘ eher eine Seltenheit.

Es sind die verschiedensten Eindrücke und daraus entstehenden Fragezeichen, die mich jeden Tag in Indien beschäftigen. Ich hinterfrage, vergleiche, bewundere, beurteile, versuche zu verinnerlichen oder leider auch zu ignorieren. Traurige Momente, in denen ich direkt mit den Lebensbedingungen der Ärmsten konfrontiert werde, gehören genauso dazu: wenn ich morgens an der Bushaltestelle stehe, und Kinder ohne Bleibe, unter dem Flyover wohnend, mit nur einem Unterhemd bekleidet, bettelnd hinter vorbeikommenden Leuten herlaufen sehe; wenn ich in die Straße zum Büro einbiege, und drei kleine Geschwister an der Hauswand sitzen sehe, den ganzen Tag wartend auf ihre Eltern, die extra aus einem anderen Staat Indiens in voll beladenen LKWs herbeigeschafft wurden, um auf einer Baustelle zu arbeiten- da sie die billigsten Arbeitskräfte sind; wenn ich abends ganze Familien mit ihrem winzigen Hab und Gut auf Decken am Straßenrand schlafen sehe, was sie ihr zu Hause nennen; wenn ich Kühe in riesigen, übel riechenden Müllhaufen auf der Suche nach etwas Essbarem sehe; wenn ich protzige, weiße Mercedes-Kutschen durch die staubigen, vollgestopften Straßen neben einem klapprigen Ochsenkarren vorbei fahren sehe…

Armut gibt es überall auf der Welt. Aber hier in Indien ist es für mich eine sehr harte, ins Auge stechende und unbegreifliche Art von Armut. Wenn man als sorgenloser Europäer - und sorgenlos sind wir, wenn man sich hier den ständigen Kampf ums Überleben anguckt, in ein Land wie Indien reist und sich mit all seinen Sinnen auf das dort Gebotene einlässt, wird man nochmal auf andere Weise mit diesen Themen konfrontiert. Schuldgefühle, Bedauern und Verständnislosigkeit im Hinblick auf diese Ungerechtigkeit kommen immer wieder auf.

Zu resignieren, dass man als Einzelner nichts an diesem System verändern kann, kann schnell zur Verbitterung führen. Da es wie ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, werden oft einfach die Scheuklappen aufgesetzt und die Realität so gut es geht vermieden.
NGOs wie Cividep sind deswegen wertvoll und unbedingt notwendig, aber leider noch viel zu machtlos gegenüber der Regierung, großen Unternehmen und der Masse der Konsumenten.

Das Forschungsprojekt, das derzeit zum Thema Arbeitsbedingungen läuft, soll die momentane Situation erneut aufgreifen und an die Öffentlichkeit gebracht werden. Der Druck auf die großen Konzerne ist anscheinend immer noch nicht groß genug, bzw. die Konsequenzen, wenn erneut hunderte von Menschen in einer Fabrik in Bangladesch ums Leben kommen, überhaupt nicht ausreichend. Gibt es überhaupt Konsequenzen?

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