Daliya Shikdur

© Marieke van der Velden

Daliya Shikdur (Jg. 1993) aus Bangladesch

Daliya näht die Innennähte von ungefähr 130 Jeanshosen pro Stunde – für sechzig Euro im Monat. Wenn sie viele Überstunden macht, bekommt sie fünf Euro mehr. Als zum wiederholten Male ihr Bonus nicht bezahlt wurde, gründete sie ihre eigene Gewerkschaft.

„Wir wollen eine jährliche Lohnerhöhung, sonntags frei, eine Begrenzung der Überstundenzahl und eine Kinderbetreuung.“ Dass eine junge Frau eine Gewerkschaft gründet, ist nicht selbstverständlich.

„Ich musste alles nach getaner Arbeit organisieren. Die anderen dachten, dass ich seltsame Dinge tue – Dinge, mit denen sie nicht einverstanden sind. Es wurde über mich gelästert.“ Darum wohnt Daliya nicht mehr zu Hause. „Meine Mutter sagte: Wenn du diese Art von Dingen weiterhin machst, bekommst du Schwierigkeiten. Aber ich mache das nicht für mich selber: Ich mache das für die anderen.“

 

Daliya Shikurn im Gespräch mit FEMNET 2015

FEMNET-Vorstandsfrau Gisela Burckhardt besuchte im September 2015 Bangladesch. Im Rahmen dieser Reise war es ihr möglich, sich mit einigen der in der Ausstellung „Ich mache Deine Kleidung! Die starken Frauen aus Süd Ost Asien“ porträtierten Frauen persönlich zu treffen und mehr über ihre Lebensgeschichte zu erfahren.

Daliya Shikur. Foto: © Gisela BurckhardtFoto: © Gisela BurckhardtDalyia hatte eine harte Kindheit. Ihre Mutter heiratete ein zweites Mal und bekam mit dem Mann sechs weitere Kinder, zu denen Daliya aber keinen Kontakt hat. Sie wuchs bei ihren Großeltern mütterlicherseits auf. Mit acht Jahren begann sie Geld zu verdienen, zunächst mit Stickarbeiten per Hand. Sie ging bis zur 8. Klasse zur Schule und bekam ein Stipendium. Mit elf Jahren begann sie in der Fabrik zu arbeiten, zunächst als Gehilfin, später als Näherin (Operator). Da sie so jung war, wurde sie auf der Toilette versteckt oder nach Hause geschickt, wenn Einkäufer die Fabrik besuchten. Insgesamt hat sie in zehn bis elf Fabriken gearbeitet, bis sie zu einem Entschluss kam: Statt immer nur die Fabriken zu wechseln, wenn die Arbeitsbedingungen zu schlecht waren, wollte Daliya die Arbeitsbedingungen in der Fabrik verbessern und gründete eine Betriebsgewerkschaft.

Der Prozess war sehr hart, denn das Management schüchterte sie ein. Wenn sie auf die Toilette ging, wurde sie überwacht, sodass sie nicht mit anderen sprechen konnte. „Muskelmänner“ (Werkspolizei) griffen sie physisch an, nahmen ihr das Handy und Ohrringe weg und drohten ihrer Mutter, dass sie ihre Tochter umbringen würden (seitdem hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter). Inzwischen ist sie verheiratet. Sie sagte, sie drohte dem Arbeitsministerium, dass sie sich umbringen würde, wenn die Gewerkschaft nicht zugelassen würde.

Im April 2013 schaffte sie die Registrierung der Gewerkschaft und ist nun deren Präsidentin. Von den über 1200 Arbeiter_innen sind 600 in der Gewerkschaft, ein Komitee von 15 Personen wurde zudem gewählt.

Ihrer Meinung nach hat die Gewerkschaft dazu geführt, dass:

  • ein CBA (Tarifvertrag) unterzeichnet wurde,
  • die Beschimpfungen weniger wurden,
  • Urlaub möglich wurde
  • jährlich automatisch 10% Lohnanpassungen erfolgen
  • der Eid-Bonus von 70% auf 90% erhöht wurde
  • der Anwesenheitsbonus je nach Länge in der Fabrik gestaffelt gezahlt wird: Zusätzlich zum Monatslohn bei sechs Monaten 1000 Taka (ca. 10 Euro) und bei einem Jahr 2000 Taka (ca. 20 Euro).

Ihrer Meinung nach bestehen die beiden größten Probleme darin, dass die Arbeiter_innen ihre Rechte sowie die Arbeitsgesetze nicht kennen und Fabrikbesitzer daher in der Lage sind, die Arbeiter_innen einzuschüchtern.

 

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