Nachrichten - Corona-Nothilfefonds

„Thank you FEMNET for your support” titeln die Plakate des NGWF-Teams, die Lebensmittelhilfen an bedürftige Textilarbeiter*innen verteilen. © NGWF

Verwoben – Bangladeschs Textilkrise und die Existenzen von Arbeiter*innen

Shefali ist froh, dass sie Nahrungsmittelhilfe von NGWF über den FEMNET Corona Nothilfefonds erhalten kann: “It will help me for some days” 

Shefali ist 18 Jahre alt und arbeitet in einer Textilfabrik in Dhaka. Mit ihrem Einkommen unterstützt sie ihre Familie als Alleinverdienerin. Auf Grund der Corona-Pandemie erhielt sie allerdings nur 60% ihres März Gehaltes. Nachdem die Fabrik dann noch zwei Monate im April und Mai schließen musste, erhielt Shefali weder Arbeitsmöglichkeiten noch irgendwelche Lohnzahlungen. Mit dem reduzierten Gehalt konnte sie nicht alle Ausgaben für Hausmiete, Lebensmittel, Kindererziehung, Transport und Medikamente für sich und die sechsköpfige Familie übernehmen.

Auch Nazma Akter ist seit über fünf Jahren in derselben Textilfabrik wie Shefali tätig. Nazma ist während der Corona Krise in Dhaka geblieben, um die Wiedereröffnung der Fabrik abzuwarten. Ihre Familie musste in der Zwischenzeit in die Heimat auf dem Land zurückkehren und hofft darauf, dass Nazma ihnen bald wieder Geld senden kann. Nazma selber hat mittlerweile kaum mehr etwas, an manchen Tagen nicht einmal mehr Lebensmittel für sich selber. Sie hat die gleichen Lohnkürzungen und Lohnausfälle wie Shefali erlebt.

Nazma macht die Situation schwer zu schaffen, sie fühlt sich allein und im Stich gelassen. Sogar ihr Mann hat sie im Rahmen der Krise mit der Begründung nicht mehr für sie sorgen zu können, verlassen. Sie befürchtet, dass obwohl die Fabrik nun wieder geöffnet wurde, auch in den nächsten Monaten nur reduzierte Gehälter vom Fabrikmanagement ausgezahlt werden. 

Produktionseinbrüche und Entlassungen in Bangladesch

Die Bekleidungsindustrie macht mehr als 80% der jährlichen Exporte Bangladeschs aus und ist in hohem Maße von Markenbestellungen aus den USA und der EU abhängig, den größten Handelspartnern des Landes im Textil- und Bekleidungssektor und dem bisherigen Epizentrum des Corona Virus. Bangladesch hat die Krise deshalb stark getroffen. Ein OECD Position Paper informiert über die Auswirkungen von COVID-19 (Stand Mitte April 2020):

  • 826,42 Millionen Exportaufträge im Wert von 2,67 Milliarden US-Dollar wurden von globalen Käufern storniert und/ oder aufgeschoben
  • 52% der Textilfabriken in Bangladesch haben mit Stornierungen eines Großteils ihrer Aufträge zu kämpfen
  • Bei 72% dieser Stornierungen weigern sich die Käufer Kosten für Rohmaterialien und bei 91% Kosten für die Produktion zu zahlen
  • 58% der Fabriken haben den Großteil oder die komplette Produktion eingestellt
  • 1 Millionen Arbeiter*innen wurden gekündigt

Da der Sektor mehr als 4 Millionen Menschen, meist Frauen, beschäftigt, sind Auftragsstornierungen oder Zahlungsaufschiebungen dafür verantwortlich, dass Löhne nicht gezahlt werden können, Fabriken schließen und Arbeiter*innen entlassen wurden.

Wie geht es weiter?

Unterstützerin von NGWF nimmt Kontaktdaten auf, sodass Nazma Lebensmittelspenden erhalten kann. © NGWFUnterstützerin von NGWF nimmt Kontaktdaten auf, sodass Nazma Lebensmittelspenden erhalten kann. © NGWFNur ca. die Hälfte der 4000 Fabriken in Bangladesch haben die Produktion wieder aufgenommen. Die global eingebrochene Auftragslage hat weitreichende Konsequenzen mit sich gebracht:

So berichtet BGMEA, dass 348 der BGMEA Fabriken inzwischen schließen mussten und 1926 der Fabriken mit nur 55% der Kapazität produzieren.

Offiziell sollen die Fabriken bei der wiederaufgenommenen Produktion Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen einhalten, um die Arbeiter*innen zu schützen und eine Ausbreitung des Corona-Virus einzuschränken.

Allerdings werden die Sicherheitsabstände oft nicht eingehalten und es gibt keine Seife und fließendes Wasser zum Händewaschen. So fordert NGWF, dass Schichtwechsel in gestaffelten Arbeitsgruppen gestaltet werden sollten, sodass nicht Tausende von Arbeiter*innen gleichzeitig und aneinander gedrängt die Fabriken betreten und verlassen müssen.

 

Verteilung von Nahrungsmitteln an Textilarbeiter*innen, die von Entlassungen und Lohnausfällen betroffen sind. © NGWFVerteilung von Nahrungsmitteln an Textilarbeiter*innen, die von Entlassungen und Lohnausfällen betroffen sind. © NGWF

Proteste von Arbeiter*innen gegen plötzliche Fabrikschließungen und unbezahlte Löhne setzen sich fort. Noch immer haben 200.000 Arbeiter*innen ihre Löhne für März nicht erhalten, obwohl noch gearbeitet wurde. Auch stehen teilweise noch Zahlungen für April und für den Festtagsboni zum Anlass des Fastenmonats Ramadan aus. Nun kommen Ankündigungen von Fabriken hinzu, dass Arbeiter*innen unbezahlte Überstunden leisten sollen.

Staatliche Unterstützungen in Form von Einkommenszahlungen für arbeitslose und freigestellte Textilarbeiter*innen werden derzeit zwischen EU und Bangladesch diskutiert, und sollen ab Juli die Situation der Menschen für immerhin drei Monate verbessern können.

Die Krise in der Textilindustrie erfordert Solidarität mit den Arbeiter*innen. Die verheerenden Folgen dürfen nicht auf ihre Kosten ausgetragen werden. FEMNETs Partnerorganisation NGWF leistet wertvolle Unterstützung in diesen Zeiten.

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