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Reisebericht 2020 aus Indien & Bangladesch

Im Januar 2020 reisten Gisela Burckhardt, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende, und Sina Marx, Referentin für Auslandsprojekte, nach Indien und Bangladesch. Wir sind regelmäßig bei unseren Partnerorganisationen vor Ort, um gemeinsam in die Zukunft zu planen und uns davon zu überzeugen, dass Ihre Spenden dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Hier wollen wir einige persönliche Eindrücke mit Ihnen teilen.

Solidarität unter Frauen: Starke Gewerkschaftsfrauen sind wichtig, um die Rechte der Arbeiterinnen in den Fabriken zu schützen. In Bangladesch gibt es noch immer zu wenige von ihnen. Gewerkschafterinnen einer Fabrik in Dhaka berichteten uns aus erster Hand von ihren Erfahrungen. © Sina Marx, FEMNET | Dhaka, Bangladesch, Januar 2020
Kinderarbeit ist selten geworden in den Fabriken, die für internationale Unternehmen produzieren. Doch die Näherinnen verdienen so wenig, dass sie ihre Kinder oftmals in illegalen kleineren Fabriken schuften lassen müssen. © Sina Marx, FEMNET | Dhaka, Bangladesch, Januar 2020
Wenn wir Partnerorganisationen besuchen, mit denen wir gemeinsame Projekte durchführen, haken wir genau nach: Wie viele Trainings wurden durchgeführt, was haben die Frauen gelernt, was hat sich für sie dadurch geändert? © FEMNET | Dhaka, Bangladesch, Januar 2020
Tausende Arbeiter_innen in Bangladesch wurden bedroht, geschlagen, entlassen und inhaftiert – weil sie für höhere Löhne protestierten. Ohne finanzielle Hilfe hätten sie keine Chance auf einen Anwalt. Deshalb unterstützen wir die Gewerkschaft NGWF: Sie fordern Gerechtigkeit ein. © Sina Marx, FEMNET | Dhaka, Bangladesch, Januar 2020
Da die Regierung untätig blieb, errichteten linke Studierende ein Denkmal vor der sumpfigen Unglücksstelle von Rana Plaza, die grasüberwachsen hinter den Blechhütten versteckt liegt. Wir besuchten es zusammen mit NGWF-Leiter Amirul Haque Amin. © Sina Marx, FEMNET | Dhaka, Bangladesch, Januar 2020
Gewalt und Belästigung ist für viele Näherinnen bitterer Alltag. In den Trainings unserer Partnerorganisation BCWS werden sie über ihre Rechte aufgeklärt und lernen, wie sie sich gegen Übergriffe zur Wehr setzen können. © Sina Marx, FEMNET | Dhaka, Bangladesch, Januar 2020
FEMNET-Vorsitzende Gisela Burckhardt mit der kleinen Tashfia. Während die Mutter in der Fabrik arbeitete, musste die 4-jährige Schwester auf Tashfia aufpassen. Die Kinder waren stark unterernährt, als sie in die Kita von BCWS kamen. Da Kinderbetreuung für viele Näherinnen ein großes Problem ist, unterstützt FEMNET solche Kitas. © Sina Marx, FEMNET | Dhaka, Bangladesch, Januar 2020
Arbeitsschutz? In vielen – vor allem kleineren - Fabriken werden Sicherheit und Gesundheit sträflich vernachlässigt. Es fehlen Mundschutz, Handschuhe, Toiletten. In dieser Färberei (links) waten die Mitarbeiter_innen barfuß durch die Chemikalien am Boden. In kleineren Nähereien (rechts) bringen die Frauen ihre Kinder mit, da ihnen sonst keine Kinderbetreuung zu Verfügung steht. © Sina Marx, FEMNET | Tiruppur, Indien, Januar 2020
Mit dem Team von Cividep arbeiten wir schon seit vielen Jahren eng zusammen. Unser neues gemeinsames Projekt wird sich mit den Auswirkungen der Textilindustrie auf die Gesundheit der Näherinnen beschäftigen. © Gisela Burckhardt, FEMNET | Bangalore, Indien, Januar 2020
Im Kampf #gegenGewalt an Frauen bündeln NGOs im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ihre Kräfte: Unsere Partnerorganisation SAVE führte einen Workshop gegen Gewalt am Arbeitsplatz durch. Sina Marx gab für FEMNET einen Input. © Sina Marx, FEMNET | Tamil Nadu, Indien, Januar 2020
Die Arbeiterinnen wählten unter Anleitung von SAVE ihre Vertreterinnen in das Komitee gegen sexualisierte Gewalt ihrer Spinnerei. Ein Erfolg, denn andere Fabriken führen keine Schulungen und auch keine Wahlen durch, die Komitees stehen oft nur auf dem Papier. © Gisela Burckhardt, FEMNET | Tamil Nadu, Indien, Januar 2020
Bei der 2. Konferenz der indischen MSI* Tamil Nadu waren viele Wirtschaftsvertreter_innen zu Gast. Auch Regierung und Unternehmensverband zeigten Unterstützung für den dialogbasierten Ansatz. Wir hoffen auf eine Fortsetzung der Bündnisinitiative Tamil Nadu, unterstützt vom Textilbündnis. © Gisela Burckhardt, FEMNET | Tamil Nadu, Indien, Januar 2020

Eindrücke aus Bangladesch

Solidarität hilft - erfordert aber Mut

„Seit 2006 besuche ich Bangladesch regelmäßig, und jedes Mal bietet sich das gleiche Bild: viele junge Menschen, überall geschäftiges Treiben, geflickte Straßen. Die Hauptstadt Dhaka wirkt immer wie halbfertig, ein Wirrwarr von Häusern, schlechter Luft und Straßenlärm.

Die Textilindustrie prägt das Land, ein Großteil der Exporterlöse kommt aus diesem Sektor. Zusammen mit unserer Referentin für Auslandsprojekte, Sina Marx, spreche ich mit entlassenen Arbeiterinnen und vielen, die an einem Training zu geschlechtsspezifischer Gewalt am Arbeitsplatz (engl. gender-based violence, GBV) von unserem Partner BCWS teilgenommen haben. Miteinander sprechen und sich mit den Opfern sexueller Gewalt solidarisieren erfordert von den Frauen jedoch noch immer viel Mut. Dennoch wirken die Trainings und Beispiele zeigen, dass Frauen wagen sich zu wehren, obwohl die Gefahr groß ist, den Job zu verlieren.

Auch Proteste werden mit Entlassungen und schwarzen Listen bestraft. Tausende Arbeiterinnen demonstrierten gegen Lohnerhöhungen, die nach fünf Jahren 2019 zwar endlich gewährt wurden, jedoch so gering waren, dass von einer Verbesserung der Lebenssituation nicht die Rede sein kann. Von den entlassenen Arbeiterinnen haben viele bis heute keinen Job.

Alle Näherinnen, mit denen wir sprechen, berichten von einem stark angestiegenen Arbeitsdruck. Weniger Personen müssen die gleiche Menge produzieren. Der Druck ist so hoch, dass Frauen nicht mehr trinken, um nicht auf die Toilette zu müssen und Zeit zu verlieren. Ich frage mich oft: Wie halten sie das aus?“

Gisela Burckhardt

Ausbeutung der Mütter hat Konsequenzen für Kinder

„Wir besuchen auch Mim, eine Näherin, die 2017 auf Speakers Tour in Deutschland war, in ihrem Zuhause. Zusammen mit Tochter und Mann lebt sie in einem kleinen Raum in einer dunklen Arbeitersiedlung. Das große Bett füllt zur über die Hälfte den Raum aus, Kleidung hängt an der Wand. Das Zimmer ist düster, hat kein Fenster und als der Strom ausfällt, sitzen wir im Dunkeln. Toilette und Waschraum müssen sie mit vielen anderen Familien teilen. Die hochschwangere Mim wird demnächst alleinerziehend sein. Ihr Mann plant, mindestens fünf Jahre in Saudi-Arabien im Baugewerbe zu arbeiten. Er wird dort doppelt so viel verdienen wie in einer Textilfabrik in seiner Heimat.

An einem Tag überqueren wir mit einem kleinen Boot den dreckigen Fluss Buriganga, ein Seitenarm des Ganges. Ob es darin Fische gebe, fragen wir. Der Bootsmann winkt ab. „Keine Fische, nur Chemikalien.“ Auf der anderen Flussseite befinden sich die illegalen kleinen Bekleidungsfabriken mit bis zu 20 Arbeiter_innen, viele von ihnen noch Kinder. Die Kinderarbeit wird nicht versteckt, man freut sich über unseren unangemeldeten Besuch. Wir gehen einfach irgendwo die Stufen hoch, laufen den Geräuschen der Nähmaschinen nach, öffnen die Tür zu den stickigen kleinen Räumen. In den Etiketten der Hosen steht: „made in China“ oder auch „made in Thailand“ – sie produzieren hier vor allem für den einheimischen Markt, sagt man uns.

Unsere lokalen Partner erklären: „Kinderarbeit gibt es in den großen Fabriken kaum noch, das wollen die internationalen Einkäufer nicht sehen. Aber wenn die Frauen in diesen Fabriken für Hungerlöhne arbeiten, dann müssen eben ihre Kinder woanders was dazuverdienen, damit die Familie überleben kann.“

Sina Marx

 

*MSI = Multi-Stakeholder-Initiative, mehr dazu...

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