#GegenModerneSklaverei: Aktiv in Deutschland

Fachtagung am 12. Mai 2016. Foto: © FEMNET

Fachtagung für Unternehmen, Gewerkschaften, NGOs zum Thema „Arbeitsbedingungen in Spinnereien in Südindien“

Erste Schritte gegen moderne Sklaverei: Projektvorschlag indischer NGOs zur Beseitigung von Kinder- und Zwangsarbeit ist Thema bei einer Fachtagung mit Mitgliedern des Bündnisses für nachhaltige Textilien

Am Ende waren sich alle einig: Das Camp-Labour-System, früher bekannt als Sumangali, muss beseitigt werden. Im Rahmen einer Konferenz, organisiert von FEMNET und der Kampagne für Saubere Kleidung, berieten am 12.05.2016 Mitglieder des Textilbündnisses, darunter Unternehmen, NGOs, Gewerkschaften und Vertreter _innen des BMZ, über die Ausbeutung junger Mädchen in südindischen Spinnereien. Diskutiert wurde insbesondere ein neuer Ansatz für eine Multistakeholder-Initiative, der von indischen NGOs erarbeitet wurde und eine sektorweite Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie die Beseitigung des Camp-Labour-Systems zum Ziel hat. Neben Expert_innen und NGOs aus Indien nahmen deutsche NGOs, IG Metall, BMZ-Vertreter und sechs große international operierende Unternehmen, H&M, C&A, Tchibo, Primark, die otto group und KiK, an dem Treffen teil.

Zu Beginn erklärt die Wissenschaftlerin Dr. Anibel Ferus-Comelo, Autorin der Studie „Die moderne Form der Sklaverei in indischen Spinnereien“ (PDF-Datei), die Grundprinzipien des „Sumangali“-Systems, welches seit einiger Zeit von den Fabrikbesitzern als „Camp Labour“ bezeichnet wird, um den durch negative Presse hervorgerufenen „Imageschaden“ abzuwenden. Doch das System hat sich nicht geändert: Mädchen aus armen Familien werden im Alter von 14-18 Jahren unter falschen Versprechungen angeworben und zu körperlich und psychisch harter Schichtarbeit (bis zu zwölf Stunden, auch nachts) gezwungen. Sie leben weit weg von ihren Familien in kargen Unterkünften, die sich oft auf dem Fabrikgelände befinden. Sowohl am Arbeitsplatz als auch in den Hostels sind die dadurch isolierten Mädchen Schikanen, Beleidigungen und sexueller Belästigung durch Vorgesetzte und Mitarbeiter ausgesetzt. Die Mitarbeiterin der indischen NGO SAVE Mary Viyakula weiß von Arbeitsrechtsverletzungen und Todesfällen zu berichten: In den letzten vier Jahren hat die NGO 86 Fälle registriert, sechs allein in den letzten sechs Monaten. Die Todesfälle werden zum größten Teil nicht aufgeklärt.

Fachtagung am 12. Mai 2016. Foto: © FEMNETFachtagung am 12. Mai 2016. Foto: © FEMNETDen Unternehmensvertreter_innen ist das Problem bekannt – schnell einigte man sich darauf, dass diese Form der modernen Sklaverei keinen Platz in der Modeindustrie haben darf. Ein Schritt in die richtige Richtung könnte eine neue Multistakeholder-Initiative (MSI Tamil Nadu) sein, die Gopinath K. Parakuni und Karuppusamy Raman, Geschäftsführer der NGOs Cividep bzw. READ in Indien, vorstellten. Im Laufe des Tages berieten die Teilnehmer_innen darüber, wie die MSI gestaltet sein muss, um möglichst erfolgreich zu sein. Zum Ende der Fachtagung wurden Schritte und Aktivitäten für die kommenden sechs Monate festgelegt: Eine Kernarbeitsgruppe soll weitere Schritte vorbereiten und den MSI-Entwurf im Juni bei einem Treffen der AG Umsetzung des Textilbündnisses präsentieren. Spricht sich das Textilbündnis grundsätzlich für eine Unterstützung der Initiative aus, soll eine Tagung in drei bis vier Monaten in Tamil Nadu stattfinden, denn: Für eine erfolgreiche Umsetzung muss ein Dialog mit der indischen Regierung sowie den lokalen Gewerkschaften und Verbänden begonnen werden.

Weitere Informationen:

 

Gäste aus Indien:

Dr Anibel Ferus ComeloDR. ANIBEL FERUS-COMELO, 44 Jahre, hat die Studie „Die moderne Sklaverei in Indiens Spinnereien“ im Auftrag der indischen NGO Cividep und FEMNET geschrieben. Anibel Ferus-Comelo ist Soziologin und promovierte an der London University (2005) zum Thema „Impact of transnational corporate production chains for workers and labour organization in the electronics manufacturing industry with a comparative focus on Bangalore, India and Silicon Valley, California“.

Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Artikel zu den Themen weibliche Arbeiterinnen, Migration, Gewerkschaften, Tourismus, CSR und Mobiltelefone veröffentlicht. Zusammen mit Mario Novelli hat sie 2009 das Buch „Globalization, Knowledge and Labour“ herausgegeben. Sie hat selber an Universitäten in den USA, UK und Indien unterrichtet. Seit über 20 Jahren tritt sie für die Rechte von schlecht bezahlten Arbeiterinnen und Migrantinnen in den USA, UK und Indien ein.

 

Mary ViyakulaMARY VIYAKULA, 41 Jahre, ist seit vielen Jahren Mitarbeiterin von SAVE (Social Awareness & Voluntary Education), einer NGO in Tamil Nadu, die seit 1993 existiert. SAVE ist eine Partnerorganisation der Clean Clothes Campaign (CCC). Das Büro der NGO befindet sich in Tiruppur, bekannt als Stadt des T-Shirts.

Als Programmdirektorin leitet Frau Viyakula das "Labour Resource Centre" (LRC), ein Trainingsprogramm von SAVE, das Arbeiterinnen über ihre Rechte aufklärt und Schulungen für Gewerkschaften anbietet.

Seit Ende 2013 ist sie als Geschäftsführerin bei SAVE tätig und ist für die Abwicklung und Koordination diverser Projekte zuständig, unter anderem für die Schulungen der Frauen. Sie hat zudem zahlreiche Befragungen über Arbeitsbedingungen der Frauen in den Spinnereien und Fabriken durchgeführt. Des Weiteren ist sie am Aufbau des "Advocacy Promotion Cente" (APC) beteiligt, das sich für die Förderung von Arbeitsrechten einsetzt und sich dabei insbesondere für minderjährige, zugezogenen Arbeiterinnen stark macht.

 

Gopinath ParakuniGOPINATH K. PARAKUNI ist Gründungsmitglied und Geschäftsführer der gemeinnützige NRO Cividep India, die sich für Menschen- und Arbeitsrechte stark macht. Cividep klärt Frauen über ihre Rechte auf, führt Trainings durch, unterstützt sie juristisch bei der Durchsetzung dieser Rechte und in vielfältigen anderen Fragen. Sie führt Kampagnen und Protestaktionen durch und leistet mit Studien- und Forschungsprojekten einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung eklatanter Missstände. Bereits in seinem Studium der Sozialarbeit hat sich Gopinath mit der Frage des Wohlergehens und des Schutzes von Arbeiter_innen auseinandergesetzt. Nach einer kurzen Zeit als Journalist hat er sich gänzlich darauf konzentriert, sich für die Rechte derjenigen einzusetzen, die in Indien besonders dringend Unterstützung brauchen: Dalits, Frauen, Kleinbauern und Arbeiter_innen im informellen Sektor.

 

 

Karuppusamy RamanKARUPPUSAMY RAMAN ist Gründer und Direktor von READ, einer gemeinnützigen NRO, die sich seit 2001 für die Stärkung von Arbeitsrechten innerhalb der Textilindustrie einsetzt. Dort verteidigt er insbesondere die Rechte der Dalits, der „Unberührbaren“, die in Indien immer noch zu einer stark diskriminierten und gesellschaftlich geächteten Minderheit zählen. Seit vielen Jahren setzt er sich außerdem für die Opfer des Sumangali-Systems ein, bietet ihnen Rechtsbeistand und Trainings, klärt über die Thematik auf und leistet vielseitige Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Neben diverser Aufsätze hat er unter anderem zwei Studien über das Camp-Labour-System (Sumangali) verfasst („Current Status of Sumangalit Thittam in Tamil Nadu” und “Sumangali Scheme in Tamil Nadu- Issues and legal remedies”), sowie ein Buch, dass die Misere junger Dalit-Mädchen beschreibt.

 

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Stand: 23.05.2016

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