Nachrichten - Öko-faire Kleidung

© Kornelia Danetzki

Von Mode und Macht, Körper und Kapitalismus

An diesem Abend drehten sich die Fragen bei der Kooperationsveranstaltung von FEMNET und der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) um nichts Geringeres als Systemveränderung: Welche Rolle spielt der Konsum im Kapitalismus? Können wir Gerechtigkeit kaufen? Und was müssen wir sonst noch tun, um die Welt zu verändern? Die Podiumsdiskussion können Sie als Tonaufnahme nachhören.

Frauen in der Fashionindustrie: Von Mode und Macht, Körper und Kapitalismus

Podiumsdiskussion in Bonn, 23.09.2019

  • Tansy Hoskins (Journalistin & Autorin)
  • Lavinia Muth (Armed Angels)
  • Dr. Gisela Burckhardt (FEMNET)
  • Dr. Christina Stockfisch (DGB)

Moderation: Anna Hoff

Die FES-Referentin Jeanette Rußbült begrüßte die über 80 Zuschauenden im Saal der Stiftung. Durch den Abend führte Anna Hoff. Auch vom Publikum war Mitwirkung gefordert: Interaktiv sollten sie immer wieder Stellung beziehen. Erstes Statement: „Mein persönlicher Konsum kann etwas verändern.“ Überwiegend Zustimmung - viele grüne und ein paar gelbe Karten, eine rote ist dabei. Später dann: „Ich stand schonmal im Laden mit einem schönen neuen Teil, habe dann aber doch innegehalten.“ Jetzt doch deutlicheres Zögern, gemischte Farben… Gut, ehrliche Antworten, denn ist das Hinterfragen unserer Gewohnheiten nicht ein wichtiger erster Schritt?

 

Fachlicher Input durch engagierte Autorinnen

© Kornelia Danetzki© Kornelia DanetzkiZu Gast war die britische Journalistin Tansy Hoskins, Autorin des Buches „Das antikapitalistische Buch der Mode“. Sie fordert eine soziale Bewegung. Die Fashionindustrie von heute treibe die Menschen in einen Abgrund unwürdiger Arbeitsbedingungen. So wie damals bei Rana Plaza. „Die Arbeiterinnen müssen das Recht haben, nicht in Todesfallen wie einstürzende Fabriken zu gehen.“ Am Morgen des Einsturzes gab es damals Streit vor den Toren der Fabrik: Die Manager drohten den Näherinnen ihren Monatslohn einzubehalten, wenn sie nicht zurück an ihre Nähmaschinen gehen würden.

Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende der Frauenrechtsorganisation FEMNET, räumt in ihrem Buch „Todschick“ mit der Vorstellung auf, dass teure Marken auf bessere Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten Wert legen als die Discounter. Ihre Waren werden oftmals in den gleichen Fabriken mit den gleichen miserablen Arbeitsbedingungen und zu Hungerlöhnen hergestellt. Hoskins und Burckhardt kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen „Selbst die Fair Fashion Pioniere sind heute noch nicht völlig fair“, sagt Burckhardt, „deshalb reicht es nicht aus, nur auf den Kauf nachhaltiger Kleidung zu setzen, sondern wir brauchen von politischer Seite gesetzliche Vorschriften, nämlich ein Lieferkettengesetz.“

Foto: © Kornelia DanetzkiFoto: © Kornelia DanetzkiAber warum shoppen wir denn eigentlich so gerne? Hoskins berichtet von ihren Teenager-Jahren: Sie habe geshoppt ohne Ende. „Es fühlte sich an, als wäre da ein schwarzes Loch in mir. Egal wieviel Kleidung ich reintat, es wurde nie voll.“ Mode wird zur Ersatzbefriedigung. Auf dem Podium diskutieren die Referentinnen über Selbstverwirklichung und Identität; über das Recht auf Konsum als Form sozialer Gerechtigkeit; und über den emotionalen und sozialen Druck, den Trends und Massenkonsum erzeugen.

 

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Wie man Kleidung schon heute fairer und ökologischer produzieren kann, zeigt das Modelabel Armed Angels. Lavinia Muth, Gender-Expertin von Armed Angels, berichtet aus der Praxis, wie sie mit Lieferant_innen zusammenarbeiten und worauf sie schon beim Design achten. Auch was für sie die die nächsten Baustellen sein könnten klingt an. Sie setzen auf faires Wirtschaften und Transparenz und sind damit zu Fair Fashion Pionieren geworden. Wo solch ein Wandel von innen heraus jedoch seine Grenzen hat, lassen Diskussionspunkte erahnen, die sich um existenzsichernde Löhne und das deutsche Lieferkettengesetz drehen.

© KorneliaDanetzki© Kornelia DanetzkiChristina Stockfisch vom DGB Bundesvorstand betont, wie wichtig es ist, dass Gewerkschaften frei arbeiten und Arbeiter_innen selbst für ihre Rechte kämpfen können. Am Beispiel der ILO-Konvention 190 gegen Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt bringt sie den Besucher_innen näher, welch grundlegende Regelungen auf internationaler Ebene zum Teil fehlen – und wie sie ergänzt werden können. Zehn Jahre lang habe eine internationale Bewegung für die neue Konvention gekämpft, im Juni 2019 wurde sie verabschiedet. Dieser völkerrechtliche Vertrag mündet nun in einen nationalen Gesetzgebungsprozess. Auch hier in Deutschland muss der nächste Kampf für hohe gesetzliche Standards stattfinden, voraussichtlich ab 2020.

© Kornelia Danetzki© Kornelia DanetzkiDer Abend kling hoffnungsvoll aus: Es gibt bereits starke Plattformen für Veränderung, sagt Hoskins und spielt auf die Kampagne für Saubere Kleidung an. Mode ist für sie ein kreativer Raum, sie plädiert für kreativen Widerstand. In London sei gerade die Fashion Week gewesen, beschreibt sie. Ihr habe es gefallen, denn es habe dieses Mal einige große Demonstrationen gegeben.

Jede der heutigen Referentinnen setzt auf ganz unterschiedlichen Ebenen an: Journalismus, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Eine Forderung jedoch eint sie alle: Wir brauchen systemischen Wandel!

„Es startet mit kleinen Schritten: Uns informieren. Arbeitsrechte verstehen. Klimawandel verstehen. Globale Solidarität zeigen“ macht Tansy Hoskins dem Publikum Mut. Auf der Ausgabe ihres Buchs, das sie an diesem Abend für FEMNET signierte, prunkt nun ihr Motto:

„Change the world! Not just your wardrobe.“

 

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