Nachrichten - Faire öffentliche Beschaffung

Reisebericht aus Tunesien: Arbeitsbedingungen in der Produktion von Berufsbekleidung

Auch in Tunesien wird viel Kleidung produziert, Mode wie auch Berufsbekleidung. Ein großer Teil der Exporte geht nach Europa. Foto © FEMNETAuch in Tunesien wird viel Kleidung produziert, Mode wie auch Berufsbekleidung. Ein großer Teil der Exporte geht nach Europa. Foto © FEMNET

Hintergrund: Studie zu Berufsbekleidung

FEMNET will herausfinden, wie die Arbeitsbedingungen in der Produktion von Berufsbekleidung aussehen. Um hiesige Einkäufer_innen und Entscheider_innen in öffentlichen Verwaltungen noch erfolgreicher davon zu überzeugen, wie sinnvoll die Umstellung auf nachhaltige Vergabeverfahren ist, fertigt FEMNET in Kooperation mit Partnerorganisationen in Indien und Tunesien eine Studie über die Arbeitsbedingungen in der Produktion von Berufsbekleidung an.

Unsere Recherchen ergaben, dass Informationen speziell zu Berufsbekleidung zu einem großen Teil veraltet und nur sehr verstreut zu finden sind - ein großer Teil der heute verfügbaren Studien beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Mode. Wir wissen aus Erfahrungsberichten, dass in der Praxis meist ähnliche Probleme bestehen wie in der Modeproduktion auch. Dennoch sind die Sektoren unterschiedlich strukturiert und es herrschen andere Anforderungen an die Endprodukte.

Teil der Vorbereitungen waren Studienreisen, bei denen die FEMNET-Mitarbeiterinnen Anni Korts-Laur, zuständig für die Koordination der Studie und Katharina Edinger, zuständig für spätere Kommunikationsmaßnahmen, die Projektpartner_innen kennen lernten, um gemeinsam die sichere und exakte Umsetzung unserer länderübergreifenden Studie sicherzustellen. Im ersten Teil unserer Reiseberichte teilen sie ihre Eindrücke von ihrem Aufenthalt in Tunesien im Oktober 2018. Von ihrer Studienreise nach Indien im Dezember 2018 wird Anni-Korts-Laur im zweiten Teil in Kürze berichten.

Studienreise nach Monastir, Tunesien

Das Team von FTDES-Monastir mit den FEMNET-Referentinnen und Textilarbeiterinnen. Foto: © FEMNETDas Team von FTDES-Monastir mit den FEMNET-Referentinnen und Textilarbeiterinnen. Foto: © FEMNET

Vier Tage dauerte unsere Studienreise nach Tunesien. Für uns beide war dies die erste Auslandsreise für FEMNET, der erste Besuch von einer Textilfabrik und die ersten Gespräche mit Näherinnen direkt vor Ort. Ziel war es insbesondere, unsere neuen Kooperationspartner_innen vor Ort kennen zu lernen: FTDES, das Forum tunisien pour les droits économiques et sociaux (dts.: Tunesisches Forum für wirtschaftliche und soziale Rechte). Umgekehrt berichteten wir von unserer Arbeit in Deutschland, von den Hintergründen zur hiesigen Beschaffung von Berufsbekleidung und wie wir versuchen, durch die Einführung öko-sozialer Kriterien in öffentliche Vergabeverfahren nachhaltige Produktionsweisen zu fördern.

FTDES wurde 2011 gegründet und arbeitet als NGO (Abk. non-governmental organization) unabhängig von politischen Parteien und Religionen. Insgesamt hat FTDES fünf Standorte in Tunesien, jeder mit unterschiedlichen regionalen Arbeitsschwerpunkten. Im Norden und Osten des Landes gibt es besonders viele Textil- und Bekleidungsfabriken: am meisten in der Region Monastir im Osten Tunesiens, danach folgen die Regionen Tunis und Sousse. FTDES-Monastir hat sich deshalb u.a. dem Kampf für die Rechte von Textilarbeiterinnen und gegen die Verschmutzung des Meeres verschrieben. Von der Wasserverschmutzung wurden wir selbst Zeuginnen, als wir einen Blick auf die Abflussrohre einiger Fabriken am Straßenrand warfen, wo ein Jeans-blaues Rinnsal offen aus den Rohren floss.

Die Fahrt führte uns in die Region Sousse, wo sich wie auch in Monastir viele Nähereien befinden, von denen einige Berufsbekleidung produzieren. Die Mitarbeitenden von FTDES schilderten uns, wie schwierig es für sie ist, an Informationen über die Fabriken zu kommen: Mit den Angestellten ins Gespräch zu kommen ist schwierig, die Pausenzeiten sind sehr knapp bemessen und viele Betriebsgelände werden per Kamera überwacht. Näherinnen ist es verboten, Materialien mit nach draußen zu nehmen. Die NGOs versuchen also, über entsorgte Textilreste an Informationen zu kommen, für welche Marken die Zuliefererbetriebe fertigen. Wir waren überrascht zu hören, wie weit dieses „Versteckspiel“ in einigen Fabriken geht: Einige Näherinnen hatten berichtet, dass sie Kleidungsstücke ohne eingenähte Schilder oder sonstige Identifikationsmerkmale fertigen – d.h. die Auftraggeber halten ihre Marke selbst vor ihren Näherinnen geheim. Das ist alles andere als transparent.

Die zahlreichen kleineren Fabriken sind auf den ersten Blick kaum von Wohnhäusern zu unterscheiden. Foto: © FEMNETDie zahlreichen kleineren Fabriken sind auf den ersten Blick kaum von Wohnhäusern zu unterscheiden. Foto: © FEMNET

Uns wurden die Fabriken gezeigt, die im Rahmen unserer Studie untersucht werden sollten, in denen Berufsbekleidung für den deutschen und europäischen Markt hergestellt wird. Doch aussteigen durften wir nicht, damit uns die Kameras nicht entdecken würden, also rollten wir im Auto vorbei und verhielten uns unauffällig. Der Anblick der Fabriken ist anders als die Fotos, die wir aus Indien und Bangladesch kannten: Tendenziell sind die Gebäude viel kleiner, viele der Fabriken sind von den Wohnhäusern direkt nebenan auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden. Die meisten sind kleine und mittlere Unternehmen, mehr als die Hälfte der Textilunternehmen in Tunesien haben weniger als 50 Mitarbeitende. Als große Unternehmen gelten hier die rund 6% der Produktionsbetriebe mit mehr als 300 Arbeiter_innen, im Durchschnitt sind es ca. 100 Angestellte. Rund ein Drittel der tunesischen Textilarbeiter_innen ist bei ihnen angestellt.

FEMNET befasst sich seit 2018 erstmals tiefergehend mit der Situation von Textilarbeiter_innen in Tunesien. Von FTDES erfuhren wir wichtige Details über die Bedeutung und Entwicklung des lokalen Textilsektors, die für uns zur Fertigstellung der Studie sowie zur Interpretation und Kommunikation der Ergebnisse später essenziell sein werden. Schon bei unseren Recherchen vorab war auffällig, dass viel Wissen über den arabisch- und französisch-sprachigen Raum die Sprachgrenze zu uns nicht überwindet. Die Übersetzung zwischen Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch war unsere ständige Begleitung.

Das Team von FTDES begleitete uns an den vier Tagen intensiv: Sie ermöglichten uns die Besichtigung einer Bekleidungsfabrik und hatten in ihrem Büro zwei Gesprächsrunden mit ehemaligen Näherinnen organisiert, die uns aus erster Hand ihre unterschiedlichen Erfahrungen in den Nähereien schilderten. Auffällig viele unserer Gesprächspartnerinnen hatten Diabetes – sie berichteten, dass sie bei der Arbeit jahrelang in den kurzen Pausen ohne Essensversorgung vor Ort nur kleine Sandwiches und Süßes zu sich nahmen, um die langen Schichten zu überbrücken. Sie berichteten von hohem Zeitdruck, unter dem sie arbeiteten, von mal mehr, mal weniger streng limitierten Toilettenpausen, vom Gehalt das nicht reichte, von den Reaktionen auf gewerkschaftliches Engagement, von den Umständen ihrer Entlassung. Später sollte das Team von FTDES mit einem Fragebogen ausführliche Interviews mit Fabrikarbeiterinnen in der Produktion von Berufsbekleidung führen. Die Interviewfragen konnten wir auf Basis dieser Gespräche gemeinsam verbessern und Missverständnisse und Fehlerquellen ausräumen.

 

Die gesundheitlichen Schäden ihrer Arbeit in der Fabrik sind so gravierend, dass diese ehemalige Näherin in ihrem Alter seit ihrer Entlassung keine neue Anstellung mehr findet. Foto: © FEMNETDie gesundheitlichen Schäden ihrer Arbeit in der Fabrik sind so gravierend, dass diese ehemalige Näherin in ihrem Alter seit ihrer Entlassung keine neue Anstellung mehr findet. Foto: © FEMNET

FTDES arrangierte einen Hausbesuch bei einer Näherin, die ihre Arbeit verloren hatte, aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands und höheren Alters keine Arbeit mehr fand und nun in Armut lebte. Ein gängiges Phänomen, das wir auch aus Südostasien kennen: Die Fabriken bevorzugen junge, gesunde Arbeiterinnen für die schwere Akkordarbeit und versuchen sich der älteren Frauen zu entledigen, denn spätestens ab etwa vierzig Jahren leiden viele unter den gesundheitlichen Folgen ihrer Arbeit und sind weniger leistungsfähig. Obendrein begünstigen steuerliche Vergünstigungen und gesetzliche Haftungslücken Fabrikschließungen, sodass ehemalige Arbeiter_innen insbesondere ab einem Alter von etwa 40 Jahren ohne soziale Sicherung massenweise in die Armut abrutschen. Einige der Arbeiterinnen erzählten uns von ihrem Sitzstreik nach der Schließung ihrer Fabrik, monatelang hatten sie vor Ort ausgeharrt. Gebracht hat es letztlich nichts. Der Staat unterstützt Arbeiterinnen, die noch nicht im Rentenalter (Mitte Sechzig) sind, nach der Kündigung nur ein Jahr lang. Zur Vorsorge reichen die niedrigen Gehälter nicht. Die große Gewerkschaft UGTT (tunesischer Gewerkschaftsdachverband) fühle sich für sie nicht zuständig, erzählen sie, da sie nicht mehr angestellt seien. Die Fabrikbesitzer besitzen in der Regel nur einen kleinen Teil ihres Materials selbst, berichtet FTDES – das Gebäude wird i.d.R. gemietet, die Maschinen auch – sodass im Fall einer Schließung kaum Kapital übrig ist, mit dem Entschädigungszahlungen geltend gemacht werden könnten, selbst wenn es zu rechtskräftigen Urteilen zugunsten der entlassenen Näherinnen kommt. Wir sind schockiert, wie gut diese Maschinerie zu funktionieren scheint. FTDES kämpft für eine Gesetzesänderung, die den Frauen im Fall der Entlassung Zugang zu einer besseren sozialen Sicherung geben soll.

Zum Abschluss unserer Studienreise besuchten wir den Hauptsitz von FTDES in der Hauptstadt Tunis. Ein Gespräch mit der Geschäftsführung von FTDES rundete das Kennenlernen unserer beiden Organisationen ab. Unsere Begleiter ließen es sich nicht nehmen, uns bei einem kurzen Spaziergang einen Eindruck von der Hauptstadt und geschichtliche Informationen zu Tunesien zu vermitteln. Wir erhielten in vier Tagen einen kleinen Einblick in das Land, das zur Wiege des arabischen Frühlings geworden war. Bis heute gilt Tunesien als ein Motor für die Region, doch aufgrund der schlechten Wirtschaftslage müssen die Menschen hart arbeiten, um zu überleben. Hier in Deutschland denken die meisten von uns nicht an Tunesien, wenn wir über die Produktion unserer Bekleidung sprechen. Für die lokale Wirtschaft und die Menschen, die dort Arbeit finden, bleibt die Textilindustrie jedoch weiterhin ein wichtiger Sektor. Berufsbekleidung macht rund 13% der lokalen Textilproduktion aus, nach Frankreich ist Deutschland der zweitgrößte Abnehmer von Berufsbekleidung. Die Nachfrage unserer Stadtverwaltungen und Unternehmen ist dort spürbar und kann etwas verändern.

Publikation von Studie und Factsheets erfolgt 2019

Die Studie zu Arbeitsbedingungen in der Produktion von Berufsbekleidung entsteht im Rahmen unseres Projektes zur fairen öffentlichen Beschaffung. Die Ergebnisse werden im Lauf des Jahres auch in Form übersichtlicher Factsheets abrufbar sein. Wir danken unseren Förderern für die Unterstützung: Gefördert werden die Projektaktivitäten von Engagement Global mit ihrer Servicestelle für Kommunen in der Einen Welt im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Stand: 04/2019

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