29.01.2021: News der KW 4

Studie

Industrie 4.0: "Reaping the benefits of Industry 4.0 through skills development in high-growth industries in Southeast Asia" von Asian Development Bank (ADB): Die Studie untersucht die Möglichkeiten der Digitalisierung für verschiedene Sektoren der Länder Kambodscha, Indonesien, Philippinen und Vietnam mit Blick auf die dafür nötige Weiterbildung der Arbeiterschaft. Ein wichtiges Thema vor allem für die Bekleidungsindustrie, in der zunehmende Automatisierung den Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten kann.

Lieferketten

Europäisches Lieferkettengesetz: Der Rechtsausschuss des Europaparlaments nimmt einen Initiativbericht an, der strikte Sorgfaltspflichten für Unternehmen vorsieht. Die Due-Diligence-Strategie soll die gesamte Wertschöpfungskette abdecken. Das Europaparlament gibt damit Rückendeckung für den geplanten Gesetzesentwurf von Justizkommissar Reynders, der im Frühjahr erscheinen soll. Die deutsche Bundesregierung gerät somit unter Zugzwang, denn ein EU Lieferkettengesetz ersetzt keine nationale Regelung. Nach dem aktuellen Bericht sollen nationale Behörden die Umsetzung des Lieferkettengesetzes überwachen.

H&M in der Kritik

Deutschland: Der Modekonzern H&M will in Deutschland Stellen abbauen. Entlassen werden sollen vor allem die Mitarbeiter*innen, die nicht in den umsatzstarken Abendzeiten und an Samstagen arbeiten können oder wollen. Deswegen sieht H&M Mitarbeiter*innen in Elternzeit als prädestinierte Gruppe für Entlassungen. Interessant hierbei ist, dass die meisten Mitarbeiter*innen, die sich bei H&M in Elternzeit befinden nach Informationen von Business Insider junge Mütter sind.

Indien: Der Lieferant Gokaldas Exports bediente sich illegaler Methoden um Arbeitnehmer*innen der Fabrik Euro Clothing zur Kündigung zu drängen. Gokaldas Export führt einige Fabriken, doch lediglich Euro Clothing, die Fabrik mit einer gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft, wurde geschlossen. H&M war der einziger Auftraggeber in Fabrik, wollte sich jedoch nicht in den Streit zwischen Gokaldas Exports und den Gewerkschafter*innen einmischen.

Moderne Sklaverei

Steigende Armut begünstigt moderne Sklaverei: In einer Umfrage vom South Asian Network on Economic Modeling (SANEM) wurden über 5500 Haushalte in Bangladesch in 2018 und Ende 2020 befragt: Während 2018 21,6% unter der Armutsgrenze lebten, sind es Ende 2020 42%. Durch wachsende Armut und Massenentlassungen in Produktionsländern wächst, nach Auffassung von Genevieve LeBaron (Mitvorsitzender der Arbeitsgruppe Modern Slavery der Universität Yale) und Penelope Kyritsis (Forschungsdirektorin beim Worker Rights Consortium), die Gefahr für moderne Sklaverei. Viele Arbeiter*innen nehmen in der Not wucherhafte Kredite auf, die durch Schuldknechtschaft abbezahlt werden. Die Autor*innen sprechen sich für eine bessere Kooperation zwischen Regierung und Unternehmen aus und nennen weitere Schritte, um moderner Sklaverei vorzubeugen.

Audits

Audits in China: Gut vernetzte Konsultant*innen helfen Fabrikbesitzer*innen Arbeitsrechte zu umgehen. Ein Konsultant sagte einem verdeckten Ermittler "As long as you cooperate, keep the troublemakers out of the factory on inspection day, and make sure workers follow our guidance on answering questions, we will guarantee you pass". Durch Bestechungen und gefälschte Dokumente bestehen Fabriken die Prüfungen; teilweise werden Auditor*innen "Show Fabriken" gezeigt, die eher die Standards erfüllen. Ein Whistleblower zeigte den Journalist*innen eine Datenbank mit über 5000 Audits, die im letzten Jahr in China durchgeführt wurden - etwa 90% der Fabriken die für Amfori BSCI auditiert wurden, hatten gefälschte Dokumente zu Löhnen, Arbeitszeiten und Überstunden. Dies deutet darauf hin, dass sie ein höheres Risiko für Betrug bei Inspektionen darstellen. Durch eine Stichprobe stellte sich zudem heraus, dass es in einer durch den TÜV Rheinland zertifizierten Fabrik Fälle von Zwangsarbeit gab. Die skandalträchtige Fabrik Top Glove aus Malaysia (auch in der Incident List erfasst) bekam ein "A-Rating" von BSCI kurz bevor Missstände aufgedeckt wurden.

Zwangsarbeit von Uiguren

USA: Kurz vor der Inauguration Bidens hat die Trump Administration ein Einfuhrverbot für Baumwollprodukte aus der Region Xinjiang in die Wege eingeleitet. Importeure sind verantwortlich, ausreichende Informationen zur Ware und ihrer Herkunft zur Verfügung zu stellen. Für US-Marken bedeutet dies, dass sie Transparenz über ihre Wertschöpfungsketten benötigen, um sicherstellen zu können, dass ihre importierten Waren nicht von Zwangsarbeit berührt sind.

In einem op-ed empfiehlt Nury Turkel (der selbst in einem Umerziehungslager zur Welt kam) Unternehmen, sich nicht nur auf Audits zu verlassen, sondern selbst aktiv zu werden und nach Indikatoren für Zwangsarbeit zu suchen (z.B. Lieferant*innen mit einem großen Umsatz aber kleiner Arbeiterschaft die in Sozialversicherungskassen zahlen, Terminologien wie "Education Training Center" oder "Legal Education Centers", Unterstützungen der Regierung wie z.B. für "poverty alleviation" oder "mutual pairing programs", und Recruitments durch Regierungsangestellte).

Gewerkschaften im globalen Süden

Kambodscha: CENTRAL (Center for Alliance of Labor and Human Rights) warnt vor weiteren Streiks durch ausbleibende Entschädigungszahlungen. Bereits am 22.01.2021 streikten über 8000 Arbeiter*innen aus sechs Fabriken.

Indonesien: Bericht über die erschwerte Arbeit indonesischer Gewerkschaften in 2020: Seit Januar 2020 protestierten tausende Arbeiter*innen gegen die geplante Arbeitsrechtsreform, die trotz landesweiten Streiks im Oktober durch das "Omnibus Law on Job Creation" umgesetzt wurde. Auf Demonstrationen setzte die Polizei häufig Tränengas ein, zudem wurden Demonstrierende durch die Androhung von Gefängnisstrafen eingeschüchtert.